Die Derra de Moroda Dance Archives an der Universität Salzburg

Als Ort des kulturellen (Tanz-)Gedächtnisses weltweit bekannt, sind die seit 1978 der Universität Salzburg angegliederten Derra de Moroda Dance Archives eine Institution, die sich als Zentrum der Tanzforschung, Tanzdokumentation und des Tanzwissens weit über Salzburg hinaus etabliert hat. Sie liefert wesentliche innovative Impulse für akademische und künstlerische Forschungen, die auf die Herstellung von Transfers und Querverbindungen zwischen quellenorientierter Tanzforschung auf der Grundlage historischer Materialien und einer zeitgenössischen kulturwissenschaftlichen Perspektive zielen. Das Archiv soll zur Diskussion um Fragen des praxisorientierten wie tanzwissenschaftlich aktuellen Umgangs mit Geschichte und kulturellem Erbe beitragen.

Benannt ist das Archiv nach seiner Gründerin, der Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Tanzforscherin und -sammlerin Friderica Derra de Moroda (1897–1978). 1897 in Preßburg, dem heutigen Bratislava, geboren und zunächst im klassischen Tanz ausgebildet, debütierte Derra de Moroda als freie Tänzerin an der Wiener Secession. Nach Gastspielen im mittel- und osteuropäischen Raum kam sie 1912 nach London wo sie bis zum Zweiten Weltkrieg und zur anschließenden Übersiedlung nach Salzburg ihren Lebensmittelpunkt hatte. Derra de Moroda war in vielen Bereichen tätig: als Tänzerin in den revueartigen Produktionen der englischen Music Halls, als engagierte Tanzpädagogin der sogenannten Cecchetti-Methode, als Choreografin, als Tanzpublizistin und schon bald auch als Sammlerin. Sie widmete ihr Leben ganz dem Tanz ihrer eigenen Zeit und dem vergangener Epochen und Stile. Bereits Anfang der 1920er-Jahre begann sie, systematisch tanzrelevante Dokumente verschiedenster Art zu sammeln, und begründete damit die Derra de Moroda Dance Archives als eine der frühesten Einrichtungen dieser Art in Europa.

Friderica Derra de Moroda befasste sich intensiv mit dem Sammeln und Vermitteln von Tanzwissen – tanzend, choreografierend, lehrend, schreibend, forschend. Ihre Biografie ist eine typische (Tänzerinnen-)-Biografie im 20. Jahrhundert: nomadisch, oszillierend zwischen verschiedenen nationalen und kulturellen Sphären. Geboren im alten Österreich, mit griechisch-ungarischen familiären Wurzeln, führt sie ihr Weg über München, Wien, das Baltikum, Russland und Berlin nach England, von dort während der NS-Zeit nach Deutschland und schließlich nach Salzburg. Als kommunikationsfreudige Korrespondentin für den Tanz knüpft sie ein weitverzweigtes Netz an professionellen wie privaten Kontakten. Als Forscherin begeistert sie sich für ungarische Volkstänze ebenso wie für Themen des höfischen Tanzes der Renaissance oder des 18. Jahrhunderts. Ihre Aktivitäten sind im besten Sinne „dilettantisch“, sie „erfreuen“ sich, „ergötzen“ sich am Tanzen, folgen aber keiner konventionellen systematischen Ordnung und lassen kritisches politisches Bewusstsein vermissen. Das Sammlungskonzept des Archivs korrespondiert in Intention, Inhalt und Struktur mit der Zeitschrift Der Tanz, dem ersten deutschsprachigen Tanzmagazin in den 1920er-Jahren. Es markiert eine in dieser Intensität bis dato unbekannte kaleidoskopische Auseinandersetzung mit einer traditionellen Kulturpraxis, dem Tanzen. Es bildet auf eindrucksvolle Weise deren breite gesellschaftliche, politische und ästhetische Bedeutung für das erste Drittel des 20. Jahrhunderts ab. Friderica Derra de Moroda und der Gründer der Zeitschrift, Joseph Lewitan (1894–1976), waren „Global Players“ und engagierten sich für eine ebenso offene wie komplexe Auseinandersetzung mit historischen und damals zeitgenössischen Tanzszenarien. Beide verfolgten – so lässt sich retrospektiv und pro futuro analysieren – mit Sammlung und Zeitschrift ein ambitioniertes Programm. Dieses bewegte sich auf vier inhaltliche Schwerpunkte des Archivs und auf sich immer wieder kreuzende thematische Schienen hin, die auch heute noch von hoher Aktualität sind.

Das Archiv bildet, wie andere auf einzelne Persönlichkeiten zurückgehende Sammlungen auch, historisch exemplarische und persönliche Neigungen, Vorlieben und Schwerpunkte der Gründungsfigur und ihren jeweiligen Blick auf Geschichte ab. Derra de Moroda war mehr an Tanzgeschichte und tänzerischen Strukturen als an Erscheinungsformen und Wirkungen interessiert. Im Zentrum ihres Forschungs- und Sammelinteresses stand die Materialität des Tanzes – die spiegelt sich in der über Jahrzehnte gewachsenen Sammlung. Derra de Morodas spezifischer Fokus war auf Bewegung, Korporalität und körperliche Erfahrung von Bewegung gerichtet.

In den Derra de Moroda Dance Archives stehen der internationalen Tanzforschung über 7 000 Bücher zu Tanz und verwandten Bereichen wie Theater, Kostüm, Bühnenbild, Mode, Volkskunde und Kulturwissenschaften aus sechs Jahrhunderten (16. bis 21. Jahrhundert) zur Verfügung. Darüber hinaus beinhaltet es Musikalien (u. a. Originaldrucke aus dem 17. Jahrhundert), Libretti (17. bis 20. Jahrhundert), autografe Briefe von Tänzer_innen und Choreograf_innen (18. bis 20. Jahrhundert), Journale und Zeitschriften (18. bis 20. Jahrhundert), eine umfangreiche Sammlung ikonografischer Quellen (16. bis 20. Jahrhundert, mit Gemälden, Stichen, Radierungen, Lithografien, Fotografien), von Plakaten, Programmen und Zeitungsausschnitten sowie digitalen Medien (Videos, DVDs, digitale Publikationen). Hinzu kommt der persönliche Nachlass Derra de Morodas, der aus Korrespondenzen, Notizen, Arbeitsunterlagen, persönlichen Dokumenten, Karteien, Kostümen usw. besteht. Trotz der großen Vielfalt der Sammlung lassen sich die Vorlieben und Forschungsschwerpunkte Derra de Morodas deutlich erkennen: Dazu gehören das vorromantische und romantische Ballett, die Ballets Russes, der Ausdruckstanz, Tanztechnik, der Nationaltanz und der Gesellschaftstanz sowie Tanznotation, deren verschiedene Ausprägungen von einer nur beschreibenden Weise bis hin zu einer abstrakten Form vertreten sind.

Jedes kulturelle Gedächtnis ist nicht nur Sprach- und Bildgedächtnis, sondern auch Bewegungsgedächtnis. Dass Tanz und Bewegung nicht nur als Metaphern gedacht, sondern als Ereignisse erfahrbar gemacht und diskursiv erschlossen werden: Darin liegt der konzeptionelle und epistemische Angelpunkt der Derra de Moroda Dance Archives, von dem ausgehend Transfers in die Gegenwartskunst möglich werden.