Bewegung schreiben

Die Auseinandersetzung mit Tanz und Tanzschriften zu Beginn des 20. Jahrhunderts veranschaulicht eindrücklich die lebhaft und kontrovers geführten Debatten um die zukünftige Bedeutung des Tanzes als gesellschaftlicher, politischer, vor allem aber künstlerisch-kultureller Praxis. Die Tanzszene stimmte überein, dass kein Vermittlungsmedium ohne Verschriftung entwicklungsfähig sei. Tanz bedurfte einer Notation, die seine Erscheinungsformen erfassen wie bewahren würde und durch die er sich erforschen ließe. Eine solche Notation sollte sich deshalb aus dem aktuellen (praktischen) Wissen über Tanz generieren und zugleich auf die Entwicklung eines zeitgemäßen Tanzes einwirken. Die neu entstehenden tänzerischen Programme sollten sich jeglicher traditionellen, „unnatürlichen“ Kodierung enthalten. Vielmehr wollten sie freie, individuell gestaltbare Qualitäten wie Ausdruck und Dynamik erfahrbar machen oder auch die gesellschaftliche Funktion des Tanzens als Gemeinschaft (ab)bildend vermitteln.

Tanzschaffende und Schriftenerfinder wiesen den Notationen vielfältige dokumentierende wie kreative Funktionen zu: Körper, Bewegung und Schrift emanzipierten sich. Sie wurden zu eigenständigen Argumentationsformen einer umfassenden Reformbewegung, deren pragmatische Forderung nach mehr „Natur“ die Lebenswelt verändern, verbessern sollte – eine Lebenswelt, die im Zeitalter von Industrialisierung und Urbanisierung zunehmend als entfremdet empfunden wurde.