Wilhelm Thöny – Eine Gegenüberstellung

11.5.2020 | Von Lena Nievers, Sammlungsleiterin
Ausstellung

Kuratorin Lena Nievers stellt in diesem Blogbeitrag zwei Gemälde Wilhelm Thönys (1888 Graz, AT – 1949 New York, NY, US) gegenüber und liefert so Einblicke in dessen unterschiedliche Schaffensperioden. Zu sehen sind beide ab 20. Juni 2020 in der Ausstellung Wilhelm Thöny. Träumen in schwierigen Zeiten.


Von Graz aus reist der Maler und Zeichner Wilhelm Thöny 1929 erstmals nach Paris und ist begeistert von dieser Stadt mit ihrer Lebendigkeit, ihrem silbrigen Licht und der hellen Sandsteinarchitektur. So sehr, dass er 1931 mit seiner Lebensgefährtin Thea Trautner (geb. Herrmann) für einen längeren Aufenthalt dorthin übersiedelt. Letztendlich wird das Paar bis 1938 in Paris bleiben.

Wirken Thönys Grazer Stadtansichten düster und beengt, lässt Paris, die  „brausende, tausendfältig schöne und interessante Stadt“, wie er 1931 in einem Brief schreibt, seine Farbpalette heller und freundlicher und die Bildausschnitte weiter werden. Das zeigt sich sogar schon in dem kurz nach dem ersten Paris-Besuch im Grazer Atelier entstandenen Gemälde Île de la Cité II (1929–1930). Vermutlich ist es der erinnerte (und daher nicht ganz korrekte) Blick aus Thönys Hotelzimmer über die Seine auf Notre Dame, den er hier eingefangen hat.

Im Laufe seiner Pariser Zeit setzt sich Thöny intensiv mit dem Thema Farbe auseinander. Er bleibt zwar der Gegenständlichkeit treu, aber die Farbigkeit dominiert zunehmend das Bildgeschehen, was seine Stadtansichten entrückter, wie traumhafte Visionen erscheinen lässt. Im Gemälde Paris Gambetta (um 1938) nimmt der verwaschen blaue Himmel mehr als die Hälfte der Bildfläche ein und legt sich wie ein Nebelschleier über die zart gezeichneten Gebäude.

Anders als Île de la Cité II bildet Paris Gambetta keine reale Stadtansicht ab. Vielmehr fügen sich architektonische Versatzstücke zu einem vagen, topografisch nicht bestimmbaren Bild von Paris zusammen. Möglicherweise fließt im Vordergrund die Seine – jedenfalls scheint links ein Segelschiff zu liegen, an dessen Mastspitze die Trikolore flattert, davor ist eine Brücke zu erahnen. Vorne rechts erhebt sich eine schwer zu deutende, filigrane gerüstartige Struktur – ein Kran?

Paris Gambetta entsteht Ende 1937 oder Anfang 1938, wenige Monate bevor Thöny und Thea im März 1938 von Paris aus zu ihrer zweiten Amerika-Reise aufbrechen. Bereits 1933 ist das Paar zum ersten Mal nach New York gereist, um Thönys dort lebende Tochter aus erster Ehe und Theas Familie zu besuchen. Wie zuvor von Paris ist Thöny von New York zutiefst beeindruckt. Aus der Erinnerung und nach Skizzen entstehen in Paris zahlreiche Bilder der Stadt, die für Thöny immer mehr zum Sehnsuchtsort wird (1937 schreibt er in einem Brief von seinem „Heimweh nach Amerika“), während die Situation in Europa an Bedrohlichkeit zunimmt. Mit dem hohen Himmel, der genug Raum für die vertikale Architektur New Yorks böte, vor allem aber mit seiner traumbildhaften Flüchtigkeit ähnelt Paris Gambetta der Malweise der New York-Ansichten dieser Zeit auf frappierende Weise. 

Der Werktitel wie auch der über der Stadt schwebende Heißluftballon verweisen auf ein historisches Ereignis: Der französische Staatsmann Léon Gambetta (1838–1882), nach der Abdankung Napoleons erster Innenminister der Dritten Französischen Republik, floh 1870 mit einer Montgolfiere aus dem von deutschen Truppen belagerten Paris, um den militärischen Widerstand zu organisieren. Thönys historisches Interesse spiegelt sich immer wieder in seinen Werken – so sind beispielsweise Napoleon und die Französische Revolution wiederkehrende Motive. Oft setzt er historische Ereignisse in Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit, deren scharfer und kritischer Beobachter er ist.

Das historisch verbrämte Fluchtmotiv, die in Auflösung begriffenen Stadtfragmente, die das Verblassen der Erinnerung vorwegzunehmen scheinen, sowie die Tatsache, dass Paris Gambetta zu Thönys letzten Paris-Bildern zählt, legt nahe, es als Abschiedsbild von Europa zu deuten. Dem widerspricht, dass der Künstler zum Zeitpunkt der Abreise trotz aller bösen Vorahnungen noch von einer Rückkehr nach Paris ausgeht. Die Entscheidung, in New York zu bleiben, fällt unterwegs, vermutlich erst 1939 mit dem Kriegseintritt Frankreichs. Wenn Paris Gambetta also von Abschied und Verlust handelt, dann wohl eher in dem Sinne, dass Paris für Thöny seinen Zauber verloren hat. Was bleibt, ist die träumerische Flucht in ein Paris der Fantasie, in dem New York als neue Stadt seiner Sehnsucht bereits anklingt.

Lena Nievers

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