• Von der Direktorin

Auf neuen Wegen - Geleitwort der Direktorin

Eine neue berufliche Aufgabe zu beginnen und dafür von einem Kontinent in einen anderen zu übersiedeln, zählt zu den aufregendsten Situationen im Leben. Als neu bestellte Direktorin des Museum der Moderne Salzburg, die einen spannenden Job an einem der wichtigsten Museen der Welt in einer nicht weniger bedeutenden und dynamischen Stadt aufgegeben hat, fühle ich mich verpflichtet, diese Berufsentscheidung eingehender zu begründen. Wäre ich in meiner Position als Chefkuratorin am Museum of Modern Art für die österreichische Kunstszene nicht weitaus nützlicher gewesen? Welche Perspektiven können für das Museum der Moderne in Salzburg im Vergleich zu Aktivitäten in einer Kunstmetropole wie New York entwickelt werden? Mit anderen Worten, welchen Anspruch kann das Museum in Bezug auf den Inhalt und den Stellenwert des Programms sowie der Sammlungen des Hauses im nationalen wie internationalen Umfeld stellen? Mit diesen Fragen treten wir unmittelbar in eine Diskussion über die Bedeutung und Macht von Institutionen ein, die nicht zuletzt von deren Ressourcen bestimmt werden.

Bekanntlich feiert das Museum der Moderne in diesem Jahr sein dreißigjähriges Bestehen. Dabei blickt es auf eine Geschichte zurück, die nicht ohne Brüche und Kontroversen verlaufen ist. Das Museum wurde 1983 als „Moderne Galerie und Graphische Sammlung Rupertinum“ gegründet und geht auf die „Schenkung Welz“ zurück, eine Sammlung von Druckgrafiken überwiegend österreichischer Künstler_innen. Die fragwürdige Rolle von Friedrich Welz als Kunsthändler während der NS-Zeit ist seit vielen Jahren hinlänglich bekannt. Nicht zuletzt deshalb erfolgte am Museum eine umfangreiche Forschung über die Provenienz der Bestände, die in der Restituierung prominenter Werke resultierte. Gründungsdirektor Otto Breicha erweiterte die Sammlung mit österreichischer Fotografie – ein Bereich, der als „Österreichische Fotogalerie“ nun seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Bund betrieben wird. In den 1990er-Jahren wurden spektakuläre Pläne für ein Guggenheim Museum Salzburg im Mönchsberg geschmiedet, ein Projekt, das gescheitert ist, was heute einige bedauern.[1] Schließlich wurde 2004 dort, wo zuvor das Café Winkler ansässig war, der Neubau des Museum der Moderne auf dem Mönchsberg eröffnet.[2] Der Mangel an hochkarätigen Sammlungsbeständen sollte durch Dauerleihgaben von Werken der klassischen Moderne aus der Sammlung Batliner wettgemacht werden – Pläne, die ebenfalls nicht umgesetzt wurden. Seit 2007 ist die Sammlung Batliner in der Albertina in Wien untergebracht. Dafür befinden sich seit einigen Jahren die „Sammlung Fotografis“ der Bank Austria und die „Sammlung MAP“ als weitere Dauerleihgaben in der Obsorge des Museum der Moderne. Agnes Husslein, von 2001 bis 2005 Direktorin, ist für den gelungenen Neubau des Museums am Mönchsberg verantwortlich. Unter ihrer Ägide sowie der meines unmittelbaren Vorgängers Toni Stooss wurde das Haus stärker an zeitgenössische Kunst herangeführt, die seit einiger Zeit den Schwerpunkt des Programms bildet. Stooss’ Verdienst ist es, dass sich die Restitution eines Gemäldes von Gustav Klimt aus der Sammlung als Zeichen der Versöhnung in die Geschichte des Museums einschreibt. Schließlich führte dieser Akt zu dem vom rechtmäßigen Erben des Bildes finanzierten Ausbau des Amalie-Redlich-Turms (ehemaliger Wasserturm), der in Kürze als Zentrum für Kunstvermittlung und als Studio-Wohnung für Künstler_innen eröffnet wird.

Man könnte aus all dem den Schluss ziehen, das Haus sei inzwischen gut aufgestellt, und die Aufgabenstellung für die neue Direktion bestehe vor allem darin, ein spannendes Ausstellungsprogramm zu konzipieren, das idealerweise möglichst breiten Zuspruch erfährt. Als neu bestellte Direktorin sehe ich mich jedoch mit grundlegenderen Aufgaben konfrontiert und möchte virulenten Fragenstellungen nachgehen, die nicht nur das Museum der Moderne in Salzburg, sondern die Rolle von Kunstmuseen generell betreffen. In der Folge werden einige dieser Fragen erläutert, die – in Verbindung mit den daraus resultierenden Antworten – entscheidend für die künftige Gestaltung des Museum der Moderne in Salzburg sind.

An wen wendet sich das Museum und wen erreicht es? Schon in historischer Zeit wurde Salzburg zur „Saisonstadt“ erklärt, als „schöne“ Stadt, die im Sommer großen internationalen Zuzug erlebt und während des restlichen Jahres der lokalen Bevölkerung überlassen ist. Angesichts der Strahlkraft der Salzburger Festspiele ist die Frage legitim, ob das Museum ein internationales Publikum tatsächlich nur temporär zur Festspielsaison[3] oder auch mit einer gewissen Kontinuität das gesamte Jahr über erreichen kann? In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, welchen Stellenwert das Museum der städtischen und regionalen Bevölkerung beimisst. Was wird getan, um diese zu erreichen, und wie kann man sie in ihrer Vielfalt mit einbeziehen? So haben sich in den letzten Jahren auch in Salzburg Menschen, die ursprünglich aus Ost- und Südeuropa stammen, niedergelassen und hier eine neue Lebensbasis gefunden. Darunter sind viele, die keinen christlichen Hintergrund, sondern ein islamisches Weltbild haben. Dieser radikale Wandel beschränkt sich jedoch nicht auf die hier ansässige Bevölkerung: Als ich Ende August in Salzburg angekommen bin, wandelten an den Ufern der Salzach inmitten der Stadtbewohner_innen und dem illustren Festspielpublikum zahlreiche junge Familien aus dem arabischen Raum, die zur Sommerfrische hierher gekommen sind.

Welchen Aufgaben soll sich das Museum der Moderne im österreichischen und internationalen Kunstgeschehen und Museumsbetrieb in den nächsten Jahren widmen? Dabei sollte bedacht werden, dass Museen stets auch eine Art Gedächtnis bilden, Orte, an denen kulturelle Artefakte aufbewahrt werden, weil wir der Überzeugung sind, dass nachfolgende Generationen davon lernen können. Mit anderen Worten, was soll am Salzburger Museum der Moderne aufbewahrt und weitergegeben werden? Womit kann dieses Haus eine für die Kunst und Kultur unserer Zeit wie auch in Zukunft unverwechselbare Position einnehmen? Welche und vor allem wessen Geschichte soll hier repräsentiert werden? Ich denke in diesem Zusammenhang auch an Bevölkerungsgruppen wie die protestantische oder jüdische Gemeinschaft, die zu bestimmten Zeiten zur Emigration gezwungen wurden.

Das Museum der Moderne verfügt über eine umfangreiche Sammlung österreichischer Druckgrafik und Fotografie, aber keine hochkarätige Sammlung von Werken der klassischen Moderne. Die Bestände der zeitgenössischen Kunst sind noch nicht ausreichend definiert. Wie aber kann ein Museum seinem Auftrag nachkommen, wenn es keine Schausammlung anbieten kann, mit der es gegenüber anderen hervorsticht? Soll es in Dialog mit anderen Sammlungen treten, wie dies bislang in zahlreichen temporären Ausstellungen praktiziert wurde? Soll dabei eine Form der Zusammenarbeit angestrebt werden, die sich durch Nachhaltigkeit auszeichnet und die Aktivitäten und das Profil des Hauses schärft? Soll erneut versucht werden, eine international bedeutende Sammlung zu akquirieren und an das Haus zu binden? Welche Persönlichkeiten haben ein Interesse daran, dass sich das Haus als international bedeutendes Museum präsentiert, und wären bereit, Mittel für Sammlungsankäufe zur Verfügung zu stellen? Könnte zum Beispiel das Artist-in-Residence-Programm im Amalie-Redlich-Turm dafür genutzt werden, spezielle Werke für das Museum in Auftrag zu geben?

Kann es zudem sein, dass sich in den Namen des Hauses eine Art Leerstelle eingeschrieben hat? Während vergleichbare Institutionen üblicherweise als Museum für moderne Kunst bezeichnet werden, haben wir es in Salzburg mit einem Museum der Moderne zu tun. Während also die Moderne ins Zentrum gestellt wurde, ein Begriff, der für Fortschritt und demokratische Werte steht, ist die Kunst in diesem Zusammenhang offenbar als vernachlässigbar erachtet worden. Mit der Formulierung „der“ wird – ich nehme an unbewusst – auf die Moderne verwiesen, als ob diese außerhalb unseres Bereichs und nicht immer schon in der Obhut des Museums läge. Man könnte auch von einer kritischen Distanz sprechen, die auf diese Weise artikuliert wurde. Tatsächlich eilt Salzburg der Ruf voraus, „anti-modern“ zu sein. So hat etwa Oskar Kokoschka, um den vor Ort wohl prominentesten Künstler zu nennen, nach seinem Exil in den 1930er-Jahren in der Nachkriegszeit gemeinsam mit Friedrich Welz[4] die internationale Sommerakademie gegründet. Zugleich aber setzte er sich mit seinem Modell einer expressionistischen, dem Menschenbild verhafteten Kunst deutlich von radikalen Strömungen der Moderne ab.

Offenbar muss hier zunächst eine kritische Auseinandersetzung mit der Moderne geführt werden. Wie aber kann das erfolgen? Nicht nur im Bereich der Kunst stellen sich heute viele die Frage, auf welche Weise die Moderne darstellbar ist und aus welcher zeitlichen und geografischen Perspektive sie betrachtet werden soll. Was heute als Moderne bezeichnet wird, war getragen von einer Vision von Demokratie, von Fortschritt, vom Glauben an technische Innovationen. Wie steht es damit heute? In jüngerer Zeit wurden auch die dunklen Seiten der Moderne beleuchtet, Kolonialismus, Ausbeutung durch industrialisierte Länder, Faschismus und Vertreibung. Moderne und zeitgenössische Kunstwerke werden oftmals als Barometer des gesellschaftlichen Klimas erachtet. Regionen, die sich in einer Krise oder einem Übergang befinden, gelten allgemein als fruchtbarer Boden für neue und spannende Kunstbewegungen. Salzburg mit seiner Geschichte spielt im Kontext solcher Betrachtungen eine wichtige Rolle.

Aus welcher geografischen Perspektive und in welchem Radius sollen moderne und zeitgenössische Kunst heute betrachtet werden? In den letzten Jahren haben viele Museen begonnen, ihre bislang auf Europa und Nordamerika beschränkte Sicht von Kunst zu erweitern. Die meisten Häuser bemühen sich inzwischen intensiv darum, Kunst aus Regionen sowie aus sozialen und ethnischen Schichten einzubeziehen, die von dieser Betrachtung bislang ausgeschlossen waren. Manche Museen reflektieren ihre imperialistischen Wurzeln sogar in eigenen Ausstellungen. Im Zuge dieser Revision der Inhalte, mit denen sich Museen heute primär auseinandersetzen, stellen sich auch genderpolitische Fragen. Haben (weibliche) Künstlerinnen heute tatsächlich die gleiche Chance wie ihre männlichen Kollegen, dass eine größere Ausstellung in einem wichtigen Museum für sie ausgerichtet wird?

Im Zuge der Revision, die Museen im Hinblick auf ihre vorrangigen Themen und ihr Publikum vornehmen, bleiben auch die klassischen Kunstsparten nicht verschont. Diese lösen sich zunehmend auf, weil Künstler_innen seit längerer Zeit kaum mehr medienspezifisch arbeiten, sondern vielmehr eine Verbindung der verschiedenen Disziplinen anstreben. Dabei kommt es immer wieder zu Neuformulierungen innerhalb bestimmter Medien und Disziplinen. Bietet sich der Schauplatz Salzburg mit seinen weltberühmten Festspielen und einem Museum, das „der Moderne“ gewidmet ist, nicht geradezu an, Kunst im Dialog mit Musik, Theater und Tanz, also Kunstformen, die zeitliche und körperbezogene Dimensionen haben, schwerpunktmäßig zu vermitteln? Welche Rolle nehmen Druckgrafik und Fotografie, die bisherigen Schwerpunkte der Sammlung des Museums der Moderne, in diesem Zusammenhang ein?

Welche lokalen Besonderheiten sind bei all diesen Fragen in Salzburg zu berücksichtigen? Wie positioniert sich das Museum in Bezug zu den anderen hier ansässigen Kulturinstitutionen? Könnte das Museum der Moderne mit einem speziellen Programmpunkt zu den Salzburger Festspielen diesbezüglich einen substanziellen Beitrag leisten? Wie kann es seine Aktivitäten in Dialog mit den auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Institutionen entwickeln, wie etwa der Internationalen Sommerakademie, der Biennale neuer Musik und dem Tanzfestival Sommerszene?

Das historische, sozial- und kulturgeschichtliche Umfeld von Salzburg bietet ein spezifisches Biotop für die Aktivitäten des Museums. Diesbezüglich eröffnen sich auch immer mehr neue Seiten von Salzburg und präsentieren sich bereits bekannte in differenzierter Form. Ist Ihnen zum Beispiel bekannt, dass im Jahr 1908 der erste internationale Kongress von Psychoanalytikern in Salzburg abgehalten wurde, bei dem Sigmund Freud die Keynote gab, wie mir die US-amerikanische Künstlerin Andrea Fraser erklärte? Oder kennen Sie die Geschichte der Forscherfamilie Exner, aus der über drei Generationen hinweg mehrere bedeutende Wissenschaftler_innen hervorgegangen sind und die ihre Sommerresidenz in Brunnwinkl am Wolfgangsee hatte? Eine Familie, die sich vom Prinzip der Absolutheit in der Wissenschaft abwendete und fortan mit Wahrschein-lichkeit argumentierte; nicht Glaube und Objektivität, sondern Zweifel wurde dabei als Voraussetzung für Wissen gesehen. Auch dies stellt eine neue Seite dieser Region dar, auf die mich die Kunsthistorikerin Nora Alter, eine Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln, aufmerksam machte.[5] Zweifel und Kritik am Bestehenden, am Etablierten, zählen zu den wichtigsten Motoren für Künstler_innen und ihre Arbeit, deren Experimentierfreudigkeit wiederum einhergeht mit der Einschätzung von Wahrscheinlichkeit, ob ein Werk gelingt oder nicht.

Über all dem stellt sich die Frage, wie das Museum der Moderne „erlebt“ werden soll: Museen sind Orte des sozialen Zusammentreffens, von Mensch und Kunstwerk, aber auch der Menschen untereinander. Daher soll sich auch das Museum der Moderne als guter und verlässlicher Partner für Künstler_innen und gegenüber unseren Besucher_innen als besonders gastfreundlich präsentieren. Unsere Gesellschaft ist ständig in Bewegung, und so ist auch das Museum der Moderne aufgefordert, auf neue Situationen einzugehen, sich immer wieder aus seiner „comfort zone“ herauszubewegen. Mit dem künftigen Programm des Museum der Moderne werden wir daher auch versuchen, Sie ebenso aus alten Blickwinkeln und Denkmustern herauszulocken.

Sabine Breitwieser, November 2013

 


[1] Die Frontwand in der Eingangshalle, auf der derzeit ein Neonwerk des italienischen Künstlers Maurizio Nannucci installiert ist, wurde als Option für den Eingang eines vielleicht doch noch irgendwann realisierten Museums-im-Berg konzipiert und erinnert auf diese Weise laufend an dieses Vorhaben.

[2] Am Mönchsberg schmiedeten auch die Nazis ambitionierte Baupläne für ein Armeekommando (Heereskommando 18).

[3] Musikfestspiele finden nicht nur im Sommer, sondern inzwischen auch im Januar (Mozartwoche) und im Frühling (Osterfestspiele) statt.

[4] Dass eine Figur wie Friedrich Welz sowohl während der NS-Zeit als auch danach eine wichtige Rolle eingenommen hat, ist symptomatisch für die Aufarbeitung dieser Zeit.

[5] Siehe dazu Deborah R. Coen, Vienna in the Age of Uncertainty: Science, Liberalism, and Private Life. Chicago 2007.

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