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Eindrücke vom Schreib- und Kreativworkshop

Alltagsgegenstände neu entdecken und überraschende Zuschreibungen und Bedeutungen er/finden – in surreale Rollen schlüpfen und mit ver/rückten Geschichten schreibend die Welt neu erfinden und neue Welten finden!

Beim Schreib- und Kreativworkshop für Jugendliche und Erwachsene „Nachts in der Küche. Geschichten erschaffen“ (Freitag, 17. Februar und Samstag, 18. Febuar 2023) haben die Teilnehmerinnen die Ausstellung Wiebke Siem. Das maximale Minimum das Museum mit ihren Geschichten und Texten erfüllt. Den Arbeiten von Wiebke Siem wurden Geschichten angezogen, Figuren erwachten zum Leben und mit Worten wurde gezeichnet.
Mit Christian Sattlecker, Schauspieler und Theaterpädagoge, und Magdalena Stieb, Literatur- und Kunstvermittlerin.

Hier können Sie nun einige der entstandenen Texte nachlesen.

 

Mehl in den Haaren
von Sara Cosabic, 17 Jahre

Ich höre, wie die Küchentürklinke nach unten gedrückt wird. Die Schale mit dem Teig lege ich auf den hölzernen Esstisch und streiche meine Haare nach hinten. „Hallo“, sagt er mir, seine Mundwinkel gehen zärtlich nach oben und er lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
„Hallo“, sage ich.
„Was machst du da?“, fragt er. Der Parkettboden knarrt unter seinen Füßen, als er mir einen Schritt näher kommt.
„Ich backe Pizza. Möchtest du auch?“
„Was? Pizza backen? Das kann ich doch nicht.“ Ich muss schmunzeln. „Natürlich kannst du das. Ich zeig’s dir.“ Ich hebe den Schneebesen von der Küchenplatte und rühre den Teig in großen Kreisen. Auf meinen Augenlidern spüre ich seinen sanften Blick.
„Mehl, Eier und Germ habe ich da zusammengemischt.“ Vorsichtig legt er seine Handoberfläche auf meine Hand, die den Schneebesen umklammert hält.
„Du hast Mehl in den Haaren“, sagt er. Ich lache und schaue ihm in die Augen. Sie tragen die Farbe des dunklen Holzes, aus dem unsere Küche gemacht ist. Mit der anderen Hand greife ich auf das über der Küchenplatte verstreute Mehl. Dann streiche ich seine Haare.
„Nun hast du auch Mehl in den Haaren.“ Wir lachen. Aus dem vorgeheizten Ofen dringt Wärme zu uns hinüber, wir lachen über das Mehl in unseren Haaren, während draußen gegen die Fensterscheibe leise Schneeflocken zu fallen beginnen.

 

von Luisa Marinello, 14 Jahre
Ein Stuhl. Ein Gebilde. Ein Alltagsgegenstand. Der weiche Samtbezug der Polsterung bricht sich mit dem hellen Holz. Meine Fingerspitzen berühren die Oberfläche. Der weiche Stoff so weich. Weiter die Lehne herauf. Das kühle Holz. So kühl. Die Statik. Beindruckend. Fragil und doch stabil genug um einen Menschen zu stemmen.

 

von Luisa Marinello, 14 Jahre
Mrs. Miller steigt aus ihrem gemütlichen Bett. Die Zehenspitzen voran startet sie in einen neuen Tag. Träge schüttelt sie ihre geblümte Bettwäsche auf und schlendert zu ihrem Eichenholz-Kleiderschrank. So wie an jedem anderen Morgen auch.
Mrs. Miller ist in sich selbst gefangen. Seit ihre Kinder aus dem Haus sind und ihr Mann sie vor vielen Jahren verlassen hat, fehlt ihr jegliche Leichtigkeit und sie kann sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal ausgelassen etwas gefeiert hat.
Mit einer Hand auf dem kühlen Holz zieht sie den Kleiderschrank auf. Das Einzige was einem sofort ins Auge sticht, sind die roten Mottenkugeln, denn Mrs. Millers Kleidergeschmack ist trist. Genau wie ihr Lebensmotto, welches lautet: Blumen zeigen ihre wahre Schönheit erst, wenn sie verwelkt sind. Was bei ihr jedoch nicht zutrifft. Wobei eine Sache fällt einem vermutlich schon auf. Auf den sauber hintereinander gereihten Kleiderbügeln findet sich zwar kein Haute Couture, aber ein anderer spezieller Stil wieder. Die Kleidungsstücke haben ein Muster, genau wie Mrs. Millers Leben. Auf jedem der Kleidungsstücke prangt ein grobes Karo. Doch kein langweiliges, gerades, sondern ein wild zusammengestückeltes Karo. Für Mrs. Miller widerspiegelt es ihr altes Leben mit ihrer Familie, wo an manchen Tagen kein Stein auf den anderen gepasst hat. Heute entscheidet sie sich für ein schwarz-weißes Kleid. Nachdem sie es übergestreift hatte, fühlt sie sich etwas entlastet und leichter.

Mrs. Miller kocht sich einen Kaffee, so wie jeden Morgen und setzt sich an den Küchentisch in ihrer kleinen Wohnung, der ebenfalls aus Eichenholz gefertigt ist. Die Tageszeitung mit ihren schrecklichen Schlagzeilen zu lesen hat sie schon lange aufgegeben, so starrt sie ins Leere und träumt sich in ihr früheres Leben zurück, als am Morgen noch ihre Töchter wild um den Tisch gepoltert sind.

Und das ist der Start in Mrs. Millers Tag. Jeden Tag aufs Neue.

 

von Elisabeth Swoboda, 70 Jahre
Schon seit geraumer Zeit war er wieder da: Der Schatten.
Die Unmöglichkeit des Denkens. Der Blick durch einen minenlosen Bleistift. Die Empfindlichkeit, die jedes Geräusch zu einem unerträglichen Tinnitus verwandelte.
Reknird war bewusst, wie er reagieren würde. Bewusst, dass es sinnlos war dagegen anzukämpfen. Bewusst, dass es nur wenige Tage dauern würde, bis alles in ihm zu explodieren drohte. Diesmal ging es rasant, von cl zu dl, Liter. Unerträglich. Vor allem für Ann. Sie sprach nicht mehr, war kaum noch zu Hause. Das Leben wurde für beide zur Tortur.

 

von Elisabeth Swoboda, 70 Jahre
Es würde helfen, das Gebilde mit allen zur Verfügung stehenden sensorischen, motorischen Kompetenzen zu explorieren.
Rein optisch lädt der Gegenstand zu einem sensomotorischen Erforschen ein.
Die Erfassung mit dem Tastsinn wäre unter Umständen ein Zugang. Abgeflachte Enden und die scheinbar weiche Konsistenz des Materials könnten dafür sprechen. Aus der vertikalen Anordnung der einzelnen Elemente ergibt sich allerdings ein gewisser Widerspruch zur vermuteten Sanftheit. Auch die Gegenstandsbezeichnung – gnohgnok – signalisiert eine womöglich nicht schmerzfreie Berührung.
Eine auditive Erfassung desselben würde wiederum eine motorische Analyse voraussetzen. Was wie erörtert in Frage zu stellen ist.
Hinsichtlich eines Bewegungstests des gesamten Gegenstands scheinen die Voraussetzungen aufgrund der Größe nicht gegeben zu sein.
Möglicherweise kann das Objekt jedoch olfaktorisch erfasst werden. Wäre es denkbar, dass der Materie ein Wohlgeruch oder eine Ausdünstung entströmt?

Vermutlich ist eine ausschließlich optische Herangehensweise die von der Künstlerin favorisierte.

© MdMS, Foto: Kunstvermittlung
© MdMS, Foto: Kunstvermittlung
© MdMS, Foto: Kunstvermittlung
© MdMS, Foto: Kunstvermittlung
© MdMS, Foto: Kunstvermittlung
© MdMS, Foto: Kunstvermittlung

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