Friedl Kubelka vom Gröller

20.3.2020 | Von Redaktion
Ausstellung

Aufgrund der Präventivmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus in Österreich musste die für Freitag, 20.3.2020 geplante Eröffnung der Ausstellung Friedl Kubelka vom Gröller. Das Ich im Spiegel des Anderen. Fotografien und Filme 1968 – 2018 bis auf Weiteres verschoben und das Museum der Moderne Salzburg vorerst bis 13.4.2020 geschlossen werden. Damit unsere Besucher_innen jedoch einen Einblick in die Ausstellung bekommen können, haben wir mit Jürgen Tabor, Kurator Sammlung Generali Foundation, ein Interview geführt. Der im Ausstellungstitel verwendete Name der Künstlerin bezieht sich im Übrigen auf ihre beiden Tätigkeitsfelder – auf die Fotografin Friedl Kubelka und die Filmemacherin Friedl vom Gröller.


Fangen wir doch gleich direkt an: Warum eine Personale zu Friedl Kubelka oder wie der Titel der Ausstellung lautet, Friedl Kubelka vom Gröller?

Jürgen Tabor: Friedl Kubelka vom Gröller hat immer sehr großen Wert auf ihre künstlerische Unabhängigkeit gelegt. Auf dieser Basis hat sie seit den späten 1960er-Jahren bis heute ein fotografisches und filmisches Werk entwickelt, das einfach bemerkenswert ist. Außerdem will es der Zufall, dass sich tolle Arbeiten von ihr in mehreren Sammlungen befinden, die in Obhut des Museum der Moderne Salzburg sind – in der Sammlung Generali Foundation, der Fotosammlung des Bundes sowie der museumseigenen Sammlung. Durch einen guten Austausch mit der Künstlerin konnten wir wichtige Ergänzungen von ihr selbst für die Ausstellung bekommen, und sixpackfilm, ein wichtiger österreichischer Vertrieb für künstlerischen Film, stellt eine Auswahl ihrer Filme zur Verfügung. Dadurch haben wir die seltene Gelegenheit, ihr Werk in einer umfassenden Zusammenschau von Fotoarbeiten und Filmen zu zeigen.

Was ist bezeichnend für ihr Oeuvre?

JT: Friedl Kubelka vom Gröller geht es darum, die Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit in der Beziehung mit anderen Menschen zu durchbrechen. Sie möchte ein tieferes Verständnis für andere Menschen und auch für sich selbst entwickeln; ein tieferes Verständnis als wir es im Alltag gewohnt sind.

Sie setzt dafür ein ganz bestimmtes Medium ein: das Porträt - und zwar konkret: das psychologische Porträt. Diese Form des Porträts ermöglicht es ihr richtiggehend intime Beziehungen herzustellen. Das macht sie einerseits in der Fotografie, meist mit einer eigenen Methode von umfangreichen Fotoserien, andererseits im Film, in Form von eindrucksvollen Schwarzweiß-Filmen, die sie auf 16-mm dreht. Im Mittelpunkt steht dabei oft das Gesicht mit seiner ganzen Ausdruckskraft. Der Blick, die Augen, der Mund, die Fältchen, die Mimik können viel über das Innenleben eines Menschen erahnen lassen, ohne dass es konkret ausgesprochen wird.

Ein zweiter Aspekt ist das Zeitliche. Kubelka vom Gröllers Porträts haben oft einen starken zeitlichen Charakter. Beispielsweise in ihren "Jahresporträts". Das sind Selbstporträts, für die sie sich über ein Jahr lang täglich selbst fotografiert. Seit 1972 wiederholt sie dieses Projekt alle fünf Jahre. Inzwischen sind im Verlauf von 50 Jahren zehn solcher Selbstporträts entstanden, die ihr Leben und die Veränderungen ihrer Persönlichkeit, ihrer Identität dokumentieren. Auch das Altern wird dabei zu einem zentralen Thema.

Also quasi ähnlich einem Selfie?

JT: Nein, fast das Gegenteil ist der Fall. Beim klassischen Selfie geht es darum, sich schön und interessant zu inszenieren, vor einem tollen Hintergrund zu posieren und sich so jung und spannend, kreativ oder seriös wie möglich darzustellen. Kubelkas Porträts versuchen hinter diese Fassade zu blicken, gegen die Inszenierung zu arbeiten und so ehrlich und offen wie möglich zu sein. Gegen das Streben nach Schönheit anzukommen, ist nicht immer einfach und möglich, aber von ihrer Grundstimmung her wollen ihre Selbstporträts nichts verbergen. Das Altern des Gesichts und des Körpers, Alltagsstimmungen, Umbrüche und Identitätsveränderungen und ähnliche Aspekte liegen offen dar.

Der Untertitel der Ausstellung lautet ja „Das Ich im Spiegel des Anderen. Fotografien und Filme 1968–2018“. Was kann sich der/die Leser_in zu Hause darunter vorstellen?

JT: Die Formulierung "Das Ich im Spiegel" bezieht sich auf die Selbstporträts von Friedl Kubelka. Die (Foto- und Film-)Kamera und die daraus entwickelten Bilder und Filme funktionieren wie ein Spiegelbild; allerdings eines, das über den Moment hinaus fixiert bleibt, wodurch es erst möglich wird den Menschen über eine längere Zeit hinweg zu verfolgen. "Das Ich im Spiegel des Anderen" verweist auf die Porträts anderer Menschen, darüber hinaus aber auch auf die Rolle der Künstlerin als Fotografin/Filmemacherin, auf ihr "Ich" im Spiegel des anderen, denn sie involviert sich in ihren Arbeiten immer auch selbst, indem sie wie eine Psychoanalytikerin für die Herstellung der Porträts emphatische, teils interaktive Begegnungen und Situationen schafft.

Du hast „umfangreiche Fotoserien“ erwähnt – wie stellen sich diese dar?

JT: Die Ausstellung hat ein Thema, aber zwei Bereiche: die Fotografie und den Film. Die Fotosektion umfasst einige der wichtigsten Arbeiten, teils Monumentalprojekte, von Friedl Kubelka: sieben ihrer zehn Jahresporträts, die im Laufe der letzten 50 Jahre entstanden sind, das Lebensporträt ihrer Tochter Louise Anna, in dem sie das Heranwachsen ihrer Tochter über 18 Jahre dokumentiert oder das Tausendteilige Porträt ihr Mutter Lore Bondy. Diese Werke bestehen aus tausenden, von Kubelka selbst entwickelten Fotografien in Polaroidgröße, die in zeitlichen Rastern angeordnet sind. Es gibt sehr viel zu schauen - zum Teil sind die Fotografien vielfältig und zeigen sehr unterschiedliche Situationen, auch wenn es sich um ein- und dieselbe Person handelt, in anderen Arbeiten sind die Aufnahmen sehr ähnlich und auf das Gesicht fokussiert - hier geht es vor allem um die feinen Unterschiede und Veränderungen.

Ein Beispiel für die feinen Veränderungen im Gesicht eines Menschen ist das Tausendteilige Porträt. Es ist Teil der Werkgruppe der Gedankenreihen. Hier geht es nicht um eine zeitliche Entwicklung, sondern darum zu sehen, wie sich Gefühle und Gedanken im Gesicht, in den Augen und der Mimik, eines Menschen abbilden und welchen Einfluss darauf auch die Persönlichkeit dieses Menschen nimmt.

Und welche Filme gibt es zu sehen?

JT: Die Filmsektion der Ausstellung besteht aus zwei Kinoräumen, in denen jeweils eine Auswahl von Porträtfilmen zu sehen ist. Insgesamt umfasst das filmische Werk von Friedl vom Gröller mehr als 100 Kurzfilme – wir zeigen 12 ausgewählte Filme auf 16-mm-Projektoren. Im ersten Kino sind einige ihrer frühen 16-mm-Filme zu sehen, die sie im Alter von 22 bis 25 Jahren gedreht hat, wie etwa einen Porträtfilm über den jungen Franz West. Im anderen Kino sind Porträtfilme aus der Zeit von 2004 bis 2018 zu sehen, die in Paris und Dakar entstanden sind. Alle sind auf 16-mm-Film gedreht und vermitteln durch das Schwarzweiß, die Körnigkeit des Analogen und den fast ausschließlichen Fokus auf die Menschen den Eindruck, als ob sie der Zeit enthoben sind. Dennoch sind die Filme in ihren Ansätzen zum Teil erstaunlich unterschiedlich, manche sind melancholisch, andere humorvoll und andere wieder loten unsere Schamgrenze aus. Gemeinsam ist ihnen aber eine große Empathie für die porträtierten Menschen.

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